Loch Lomond, Schottland
Eine tote Asiatin im Wald und Kinderknochen in der Nähe eines Wolfsgeheges sorgen für Unruhe am schottischen Loch Lomond.
Wer sind die Toten? Stehen die beiden Funde miteinander in Beziehung?
Detective Constable Flora McLeod und ihr Team suchen nach Antworten in einem Fall, der keine Anhaltspunkte zu bieten scheint
Leseprobe
Das gelbe Oval des Mondes starrte wie ein böses Auge herab.
Wie ein Raubtierauge.
Wie ein Wolfsauge.
Flora McLeod stand neben einem dicken Baumstamm und musste sich abstützen, um nicht zu schwanken. Ihr war urplötzlich schwindlig geworden. Vor einer halben Stunde, so gegen fünfzehn Uhr vierzig, hatte sie den Anruf erhalten, man habe beim Wolfsgehege von Duncan Robertson etwas gefunden, sie möge sich schnellstens dort einfinden. Ob sie wisse, wo das sei. Sie wusste es.
Als sie vor fünf Minuten eingetroffen war, standen bereits mehrere Fahrzeuge in der Nähe der Fundstelle. DI Graham und DS Macdonell diskutierten heftig neben einem Polizeigeländewagen. Mehrere Uniformierte sperrten das Gelände ab, um die unvermeidlichen Zaungäste, die in Kürze eintreffen würden, fernzuhalten. Eine Gruppe von Schulkindern und ein nervöser Mann, offenbar ihr Lehrer, warteten neben einer streng dreinblickenden uniformierten Beamtin, vermutlich auf die Befragung durch DI Graham.
Macdonell sah Flora, kam zu ihr herüber und klärte sie mit wenigen Sätzen auf. Ein weiterer Leichenfund! Vermutlich die Überreste eines Kindes. Als Flora das hörte, begann der Boden leicht zu schwanken. Mühsam beherrschte sie sich und ging zu der betreffenden Stelle im Wald.
Und nun stand sie hier, etwa fünf Meter entfernt, und kämpfte mit tausend Gefühlen, die sie zu übermannen drohten. Eine Kinderleiche! Großer Gott! Reicht es nicht, dass man gestern diese erstochene Frau gefunden hat?, dachte sie, und das flaue Gefühl im Magen nahm zu. Was wird noch alles passieren? Die Bäume gaben ihr keine Antwort, auch nicht der gnadenlos strahlende Oktobermond, der immer höher stieg und in wenigen Tagen voll und rund sein würde. Irgendwo sagte jemand, man würde bald Scheinwerfer brauchen. Flora registrierte es nur am Rande. Panik drohte sie zu überfluten. Ihre Tochter Caitlin war zwar damals gerettet worden, aber allein das Stichwort ´Kinderleiche´ riss die alten Wunden wieder auf. Was alles passieren hätte können. Was alles passiert war. Angst! Angst um ihr Kind! Angst, was ihm dieses Scheusal alles angetan hatte. Angst, welche seelischen Wunden das alles hinterließ. Angst, Angst, Angst!
Reiß dich zusammen, Flora! Sie versuchte es mit intensiver Konzentration. Reiß dich verdammt nochmal zusammen! Die anderen dürfen nicht merken, wie dreckig es dir geht. Das wäre nicht gut für deine Karriere. DI Graham würde mir die Leviten lesen. Flora betrachtete die rissige Baumrinde und versuchte an etwas anderes zu denken. Weiter vorn begann die Gerichtsmedizinerin mit ihrer Arbeit. In Kürze würde auch ein Forensiker aus Glasgow eintreffen. Der Fundort war streng abgeriegelt worden, nur die Experten durften ihn betreten. Jede noch so winzige Kleinigkeit konnte wichtige Hinweise liefern.
Flora atmete mehrmals tief durch und sah nach oben. Der Himmel war dunkelblau, der Erdtrabant strahlte immer heller. Die Baumwipfel bewegten sich leicht im Abendwind. Irgendwo schrie ein Käuzchen. Perfekte Kulisse für einen Gruselfilm!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie merkte, wie es ihr langsam besser ging. Du musst dich mehr abgrenzen, Flora! Viel mehr abgrenzen! Du kannst nicht jede und jeden auf der Welt retten. Und auch nicht jedes Kind.
Als sie wieder Richtung Leichenfundort schaute, traf gerade der Forensiker ein. In seinem weißen Schutzanzug sah er fremdartig aus. Das Wort ´Alien´ drängte sich förmlich auf. Wie in der Ufo-Serie in den Sechzigerjahren, dachte Flora. Das Ufo stürzt im Wald ab, und die Besatzung verlässt das goldglänzende Raumschiff und treibt sich im Wald herum. Nur hatten die damals rote Anzüge und dunkelgrüne Scheiben vor den Gesichtern. Die Experten am Leichenfundort benötigten keine Helme und Schutzscheiben. Ihre Arbeit bestand darin, alles akribisch zu sichten, zu sammeln, zu registrieren und zu katalogisieren, was sich im Umkreis von mehreren Metern um die Knochen und Gewebereste befand.
DI Graham gesellte sich zu ihr. Beinahe hätte sie ihn nicht bemerkt.
„Nun, Constable? Erschütterung überwunden?“, fragte er, lächelte dabei aber nicht. Das bedeutete, er wollte keine Scherz machen, sondern versuchte sie zu verstehen.
Flora rang sich aber trotzdem ein winziges dankbares Lächeln ab. „Danke, Sir, es geht schon. Gewisse Erinnerungen lassen sich nicht im Zaum halten und brechen bei den unpassendsten Momenten hervor.“
„So wie jetzt.“
Sie nickte. „Ja, so wie jetzt, Sir. Ich müsste lügen, wenn ich das nicht zugeben würde. Solche Fälle erschüttern mich ziemlich.“
Graham blickte zu Boden. „Glauben Sie, mich nicht? Ich habe einen zweijährigen Sohn zu Hause. Was denken Sie denn, wie´s mir geht, wenn ich vor Kinderknochen stehe? Kein normaler Mensch entsorgt sein Kind im Wald, auch wenn es vielleicht ohne Gewalteinwirkung zu Tode kam. Aber niemand kann in die Menschen hineinsehen. Denken Sie nur an die Mütter, die ihre Kinder nach der Geburt nicht wollen, ersticken und irgendwo verscharr...Flora?“
Sie schwankte etwas. Graham griff nach ihrem rechten Unterarm. „Entschuldigen Sie, Constable...äh...Flora. Das ist wohl nicht der rechte Moment für lange Diskussionen. Trotzdem wäre es mir recht, wenn Sie es noch ein Weilchen hier aushalten würden. Der Forensiker braucht sicher auch einige Zeit, und ich nehme Macdonell in Kürze mit ins Einsatzzentrum. Eine Riesenarbeit wartet auf uns. Wie ging´s Ihnen mit den Befragungen?“
Was glaubst du?, wollte Flora schon sagen, verkniff es sich aber rechtzeitig. „Bisher keine Zeugen, Sir. Es scheint, als ob Scotty die Dame direkt von oben runtergebeamt hätte. Oder sie hat ihr Erscheinungsbild drastisch verändert, und niemand bringt sie mit diesem roten Kleidungsstück in Verbindung, weil niemand es kennt. Außer ihrem Lover vielleicht.“
Graham runzelte die Stirn. „Interessanter Gedanke. Frauen denken da anders als Männer, das ist mir schon oft aufgefallen. Wir haben eine Suchanfrage an diverse Kleiderfirmen geschickt. Bin neugierig, ob schon was zurückgekommen ist. Das Labor sendet auch pausenlos Mails. Der gute Macdonell ist froh, dass ihn ein anderer DS unterstützt und ablöst.“
„Was ist mit der Besprechung um sieben, Sir? Bleibt es dabei?“
Graham schaute auf seine Armbanduhr. „Nein, das geht sich nicht aus. Wir verschieben das auf zwanzig Uhr, sehen zu, dass wir eine Stunde später fertig sind, und dann sollen alle nach Hause gehen und sich ausschlafen. Es bringt nichts, wenn wir alle zusammenbrechen. Morgen, Sonntag, können wir ohnehin nicht pausieren. Chief Inspector Murray kommt nach dem Mittagessen nach Oakton Hole und will sich selber ein Bild von der Lage machen. Da sollten wir alle frisch und munter sein und das schönste Zahnpasta-Lächeln aufsetzen.“
Flora schaute ihm in die Augen und unterdrückte einen Seufzer. Hauptsache, der DCI sieht strahlende Gesichter. Wenn ich das schon höre... „Ja, Sir“, erwiderte sie nur.
„Ähm, noch was, Flora.“
„Ja?“ Sie sah ihn gespannt an. Sie mochte es zwar ganz gern, wenn ein Vorgesetzter sie beim Vornamen nannte, aber man wusste nie, was er danach sonst noch von einem wollte. Diesbezüglich wollte sie immer auf der Hut bleiben, obwohl Graham eigentlich nicht der Typ für Seitensprünge war.
„Ich habe kurz mit den Schulkindern gesprochen, Constable, glaube aber, dass Sie eine weniger...äh...furchterregende Erscheinung sind als ich.“ Flora hätte beinahe losgelacht. So furchterregend sah Graham auch wieder nicht aus. „Vielleicht könnten Sie sich noch ein wenig mit der Schülerin unterhalten, die die Knochen gefunden hat, als sie mal musste.“
Flora nickte. „Gern, Sir. Wenn Sie meinen, dass ich weniger furchterregend bin als Sie.“ Diese kleine Spitze hatte jetzt sein müssen. Graham verstand sehr wohl, grinste und entfernte sich.
Flora warf den Experten beim Fundort noch einen Blick zu, merkte, dass sie sich jetzt wieder gefangen hatte und ging zu den Schülern hinüber. Der Mann, der sich als George Low, Biologielehrer, vorstellte, schien noch unter leichtem Schock zu stehen.
„Wir haben bereits alles gesagt“, begrüßte er sie nervös. „Schlimm genug, was geschehen ist, aber man sollte die Kinder nicht unnötig lange damit konfrontieren.“ Flora reichte ihm die Hand und stellte sich vor. Was glaubst du, was deineKinder in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch alles erleben werden? Oder verkraften werden müssen?, wollte sie ihn fragen, aber das wäre taktisch wohl nicht ganz richtig gewesen.
„Der Ansicht bin ich auch, Mister Low“, erwiderte sie deshalb vorsichtig. „Dennoch würde ich mich gern mit dem Kind unterhalten, das die Knochen gefunden hat.“
George Lows Kiefer mahlten. „Ich habe eine Veranwortung den Eltern gegenüber“, presste er hervor, „Was meinen Sie, was die...?“
„Es dauert nicht lange, Sir“, sagte Flora. „Versprochen. Und vielleicht hilft es der Schülerin, wenn Sie sich mit mir darüber unterhalten kann.“
Das schien den Lehrer zu überzeugen. „Ava?“, rief er.
Ein Mädchen löste sich aus der Gruppe. Es trug eine schwarze Wanderhose, ein pinkfarbenes T-Shirt und eine dunkelgrüne Wanderjacke.
„Ava? Ich bin Detective Constable Flora McLeod. Ich möchte mich mit dir ein wenig unterhalten. Ist das okay?“
Ava nickte trotzig. „Klar. Wieso nicht?“
„Gut. Dann gehen wir ein paar Schritte zusammen. Erzähl doch mal genau, wie du auf die Knochen gestoßen bist.“ Ava warf ihrem Lehrer und ihren Mitschülern noch einen unsicheren Blick zu, dann spazierte sie mit der Polizistin davon.
Als Flora McLeod kurz vor sechs Uhr abends zu ihrem Auto ging, das sie in etwa zweihundert Metern Entfernung geparkt hatte, vernahm sie ein seltsames Geräusch, zuerst leise, dann immer lauter werdend. Und schließlich wurde ihr schlagartig klar, was es war: Wolfsgeheul! Die Wölfe von Duncan Robertson begannen mit ihrem unheimlichen Konzert. Und das mitten in den schottischen Wäldern. Wie vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden!, schoss es Flora durch den Kopf. Bevor die Wölfe in fast ganz Mitteleuropa ausgerottet worden sind. Sie lauschte den fremden langgezogenen Tönen. Aber trotz des Wissens der modernen Zoologie, dass Wölfe nachweislich nie Menschen angegriffen und getötet haben, möchte ich nicht da draußen sein, wenn diese Tiere hier in freier Wildbahn leben würden. Es ist, als ob die Angst vorm bösen Wolf in uns genetisch verankert wurde.
Bevor sie einstieg, schaute sie zum Mond hoch, der über den Wipfeln der Fichten majestätisch strahlte. Zusammen mit dem Heulen der Wölfe wirkte das Ganze ziemlich unheimlich. Sie schauderte.

